Speech by German Foreign Minister Joscher Fischer, 9 September 2004

Rede von Bundesaußenminister Fischer anlässlich der Gedenkveranstaltung zu Ehren von Fritz Kolbe (1900-1971), Angehöriger des Auswärtigen Dienstes von 1925 bis 1945, aktiver Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus (9. Sept. 2004)

Im August 1943 setzt Fritz Kolbe in Bern ein Testament auf. Es soll für den Fall gelten, dass seine Tätigkeit auffliegen, er verhaftet und hingerichtet werden sollte. Für seinen kleinen Sohn, der als Erbe eingesetzt wird, bittet er darin:

"Lehrt ihn keinen Hass gegen die Gegner und meine etwaigen Mörder, aber unbedingten Kampfwillen und Bereitschaft für unsere Ideale. Wenn auch meine Handlung vielleicht schief dargestellt wird ... niemand kann bestreiten, dass nur Idealismus meine Triebfeder ist. Und hätte es noch Sinn zu leben, wenn die Freiheit beseitigt ist wie in Deutschland durch die Nazis?".

Lange Zeit war kaum jemandem bewusst, wie mutig und entschlossen der Verfasser dieser Zeilen Widerstand gegen das Nazi-Regime geleistet hat. Konsulatssekretär Fritz Kolbe war 1925 bis 1945 Angehöriger des deutschen Auswärtigen Dienstes. Er war also unser Kollege. Die Historiker, die Öffentlichkeit und auch das Auswärtige Amt haben ihn über Jahrzehnte hinweg ignoriert. Bis vor wenigen Jahren ist sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht angemessen gewürdigt worden.

Vor vier Jahren dann hat das amerikanische Parlament durch den Nazi War Crimes Disclosure Act bislang geheim gehaltene Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Erst diese Akten geben uns einen genaueren Einblick in Kolbes Aktivitäten während des Dritten Reiches.

Den beiden Spiegel-Journalisten Dr. Axel Frohn und Dr. Hans Michael Kloth gebührt das Verdienst, das Material zuerst in Deutschland bekannt gemacht zu haben. Und der ehemalige Korrespondent von "Le Monde" in Deutschland, Lucas Delattre, hat auf der Basis der Akten eine ausführliche Biographie von Kolbe verfasst, die jüngst auch auf Deutsch erschienen ist. Sie zeichnet ein faszinierendes Bild von Fritz Kolbe als Vertreter eines stillen Widerstands in Deutschland. Und sie zeigt den Mut dieses Mannes, seine unerschütterliche Überzeugung, aber auch die tragischen Grenzen seines Einflusses auf die Geschehnisse während des Krieges.

Delattres sorgfältig und umfassend recherchiertes Buch zeichnet ein gewöhnlich - außergewöhnliches Leben nach. Vor allem die Kapitel über die Kriegsjahre lesen sich wie ein spannender Agentenroman. Kolbes Entschlossenheit, sein Wagemut, seine Kaltblütigkeit, aber auch seine Fortune erscheinen uns heute geradezu atemberaubend.

Dabei waren der Mut, die Unabhängigkeit und Weitsicht, mit der er uns heute so beeindruckt, Kolbe nicht in die Wiege gelegt: 1900 als Sohn eines Sattlers in Berlin geboren, arbeitet er nach dem Besuch der Realschule 1917 bei einem Berliner Telegraphenbüro. Nach kurzer Militärzeit erhält er 1919 bei der deutschen Reichsbahn eine Stelle. 1921 holt er in der Abendschule sein Abitur nach und wechselt 1925 in die mittlere Laufbahn des Auswärtigen Amtes. Seine ersten Berufsjahre umfassen Konsular- und Verwaltungstätigkeiten in Madrid, Warschau, Berlin und Kapstadt.

Wie kommt jemand wie Kolbe, ein unauffälliger Beamter des mittleren Dienstes dazu, in so schroffe und zugleich mutige Opposition zu Hitlers Unrechtsregime zu treten – ein Regime, das seinen Einfluss in alle Lebensbereiche immer weiter ausdehnt? Delattre belegt, wie klar er von Anfang an Stellung gegen den Nationalsozialismus bezog: Er verabscheute den Verlust der demokratischen Freiheiten, die Gleichmacherei, die Bespitzelung, der er auch im Ausland unterlag, die antisemitische Hetze. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgesetzten und Kollegen ist er nie der Versuchung erlegen, mit den Nazis zu sympathisieren – und sei es auch "nur" der Karriere wegen. Während seiner Jahre im Auswärtigen Amt gelang es ihm, dem konstanten Druck, Mitglied der NSDAP zu werden, zu widerstehen. Bis zum Kriegsende machte er keine Konzessionen an den zeitüblichen Sprachgebrauch.

Zu Kriegsbeginn kehrte Fritz Kolbe, der sich einen Ruf als zuverlässiger und effizienter Sachbearbeiter erworben hatte, als Oberinspektor nach Berlin zurück. Ein Jahr später wird er in das Vorzimmer von Botschafter Karl Ritter versetzt. Ritter saß an einer Schlüsselstelle im Auswärtigen Amt. Er war Verbindungsmann des Amtes zum Oberkommando der Wehrmacht. Über seinen Schreibtisch gingen Telegramme und Informationen, die in dieser Fülle und Brisanz nur ganz wenigen Personen zugänglich waren. Sein neuer Mitarbeiter Kolbe galt als verlässlich, ein diskreter, unauffälliger Bürokrat. Wohl deshalb wurde er – trotz seiner bekannten Parteiferne – mitten in die "Höhle des Löwen" gesetzt.

In seinem privaten Umfeld gab er sich unerschrocken als Gegner des Nationalsozialismus zu erkennen. In seinem Freundeskreis finden sich viele Nazigegner: Durch Ferdinand Sauerbruch, den berühmten Chirurgen an der Berliner Charité, fand er schnell Anschluss an gleichgesinnte Kreise. Auch wenn er selbst wohl nie förmliches Mitglied einer Widerstandsgruppe war – hier wurden ihm offene Gespräche ermöglicht.

Seit 1933 war Fritz Kolbe klar, dass das Nazi-Regime Deutschlands Untergang bedeutete. Hitler und seine Regierung mussten verschwinden. Und gerade während des Krieges wurde ihm immer deutlicher bewusst, dass dies nicht von innen heraus geschehen konnte.

Deutschland musste also den Krieg verlieren – je schneller, desto besser. Die Befreiung von den nationalsozialistischen Unterdrückern und ihrer menschenverachtenden Schreckensherrschaft konnte in seinen Augen nur von außen erfolgen. Eine schnelle Kapitulation musste daher im besonderen Interesse seines Landes liegen. Und Kolbe sollte Recht behalten – gerade angesichts der Verlustzahlen im letzten Kriegsjahr weiß man, wie recht er hatte.

Kolbe litt immer mehr darunter, dass er nichts aktiv gegen das Regime unternahm. Bislang hatte sich seine Opposition nur durch die Parteiferne definiert – wenn man von der Fälschung einiger Pässe in Südafrika absieht, mittels derer er Juden zur Flucht verholfen hatte. Jetzt aber wollte er aktiver werden. Zunächst begann er 1940 anonyme Flugblätter zu drucken, die zur Desertion aufriefen. Unter Einsatz seines Lebens legte er sie heimlich an öffentlichen Plätzen aus. Bald aber wurde ihm deutlich, dass solche Aktionen – obwohl mit hohem Risiko verbunden – kaum mehr als symbolische Bedeutung haben konnten. Er wollte auf effiziente Art dazu beitragen, den Krieg möglichst schnell zu beenden.

Für ihn gab es nur einen Weg: Er wollte das Regime durch Weitergabe von sensiblen Informationen an die W estmächte militärisch so weit schwächen, dass die Niederlage unabwendbar würde. Schließlich kam er durch seine Stellung mit hochsensiblem, als "geheime Reichssache" klassifiziertem Material in Berührung, für das sich Briten und Amerikaner interessieren müssten. Kolbe entschied sich eindeutig und bewusst für das, was bei Entdeckung von den Nazis sofort als "Hochverrat" mit dem Tode bestraft worden wäre. Alles, was das NS- Regime verkürzen könnte und damit zahllose Leben retten konnte, war in seinen Augen legitim und notwendig.

Planung und Durchführung dieser Informationsweitergabe waren eine Meisterleistung Fritz Kolbes. Sie zeugt von Risikobereitschaft, Kaltblütigkeit und Wagemut. Es gelang ihm, sich für Kurierreisen nach Bern einteilen zu lassen. Am 15.8.1943 reiste er erstmals in die Schweiz. Neben der diplomatischen Kurierpost transportierte er – um seine Wade gewickelt und mit Schnur befestigt – eine Reihe von brisanten Drahtberichten deutscher Auslandsvertretungen. In Bern nahm er über einen Freund aus Madrider Tagen zunächst Kontakt zur britischen, später zur amerikanischen Botschaft auf.

Die Schweizer Hauptstadt war in diesen Tagen ein Sammelbecken für alle möglichen Agenten. An Botschaften der Alliierten arbeiteten hochrangige Mitarbeiter ihrer Auslandsnachrichtendienste. Doch die Briten waren misstrauisch. Ihnen kam Kolbes Angebot seltsam und unglaubwürdig vor. Die Amerikaner aber zeigten Interesse. Auch sie fürchteten anfangs eine Falle der deutschen Geheimdienste. Aber das Material überzeugte den Leiter des

Office of Strategic Services und späteren CIA-Chef Alan Dulles. Die Kontakte wurden regelmäßiger. Kolbe erhielt den Decknamen "George Wood" und lieferte in der Folge 1600 geheime Dokumente an die Amerikaner.

Und er lieferte kontinuierlich: Dies gelang ihm entweder auf weiteren Kurierreisen nach Bern oder aber auf ausgeklügelten Wegen mit Hilfe vertrauenswürdiger Freunde. Abenteuerliche Vorkehrungen wurden getroffen, um die deutschen und deutschfreundlichen Stellen in Bern und die Schweizer Behörden zu täuschen. Kolbe ging ein immenses persönliches Risiko ein; man muss sagen: sein Vorgehen war im wahrsten Sinne des Wortes selbstmörderisch.

Es handelte sich dabei um Informationen unterschiedlichster Art: Über die Wirkungen der alliierten Bombenangriffe und die Stimmung in Berlin, über die Lage von kriegswichtigen Fabrikanlagen, über deutsche Agenten in England, Schweden, in Spanien und der Türkei, über die Beziehungen des Reichs zu seinen Verbündeten, über die Lage in Japan. Kolbe beschrieb die genaue Lage der "Wolfsschanze", Hitlers geheimer Kommandozentrale in Ostpreußen, und informierte über Wolframlieferungen aus Spanien. Er warnte vor U-Boot-Angriffen auf alliierte Konvois, aber auch vor der bevorstehenden Liquidierung der jüdischen Gemeinde Roms; er berichtete über das Massaker von Kalavrita und die geplanten Aktionen Eichmanns was die jüdische Gemeinschaft in Ungarn betraf.

Antrieb blieb allein seine tiefe Überzeugung, dass nur die Westalliierten Deutschland von Hitler befreien konnten. Dies zeigte sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass Kolbe beharrlich auf jegliche finanzielle Gegenleistungen verzichtet hat.

Aber gerade dies erweckte bei den Westalliierten auch Misstrauen. Überhaupt war man in London und Washington skeptisch, was die Qualität der Unterlagen anbelangte: Sie schienen einfach zu gut zu sein. Die Bewertung dauerte lange, die Meinungen blieben geteilt. Operativ sind nur wenige seiner Dokumente ausgewertet worden. Das Office of Strategic Services in Washington allerdings formulierte 1944 bereits in einem Vermerk für Präsident Roosevelt: "möglicherweise stellt diese Quelle unsere erste größere Infiltration einer hohen deutschen Dienststelle dar." Und nach dem Krieg beurteilten auch die Briten Kolbe als "die beste nachrichtendienstliche Quelle des ganzen Krieges."

Wir können heute nicht genau sagen, wie nützlich die von Kolbe gelieferten Informationen insgesamt für die Kriegsanstrengungen der Alliierten gewesen sind. Kriegsentscheidend waren sie sicher nicht. Aber für die Beurteilung des Verhaltens von Fritz Kolbe als solches ist dies auch irrelevant. Tatsache ist, dass er unter Einsatz seines Lebens Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet hat, und zwar Widerstand, wie ihn der

Historiker Hans Mommsen definiert: "als aktives auf Umsturz gerichtetes Handeln".

In Deutschland hat man sich lange schwer getan mit der Würdigung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Nach Kriegsende wurden viele Widerstandskämpfer über lange Jahre hinweg teils offen teils heimlich als "Verräter" gebrandmarkt. Gerade in den ersten Jahren nach 1945 war das Interesse an ihnen sehr gering.

Viele, ja die meisten hatten Mühe mit der Einsicht, dass die staatliche Ordnung nicht um ihrer selbst willen besteht, sondern dass sie bekämpft werden kann, ja sogar muss, wenn die Staatsmacht das Recht, die Menschenrechte, die Freiheit aushebelt. Der Eid der Soldaten oder Beamten – selbst wenn er auf Hitler, einen der schlimmsten Verbrecher der Menschheit geleistet wurde – verpflichtete zu Treue und Gehorsam, so die damals landläufige Meinung. Lange haftete deshalb vielen Deutschen, die sich alliierten Armeen anschlossen, der Geruch von Verrätern an; so beispielsweise vielen deutschen Juden, die in der US-Army gegen das Dritte Reich kämpften. Und lange noch wurde Willy Brandt in seinen Wahlkämpfen angegriffen, weil er von deutschen Invasoren in norwegischer Uniform verhaftet wurde, bevor er nach Schweden fliehen konnte.

Vorschläge, das Widerstandsrecht ins Grundgesetz aufzunehmen, fanden in der verfassungsgebenden Versammlung auf Herrenchiemsee noch keine Mehrheit. Erst Mitte der fünfziger Jahre begann eine vertiefte Auseinandersetzung über die Legitimität von Widerstand. Und das positivierte Widerstandsrecht kam erst nach langen Diskussionen 1968 in die Verfassung. Seitdem sieht der Artikel 20 Absatz vier des Grundgesetzes vor:

"Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung" – gemeint ist der demokratische Rechtsstaat – "zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."

Und erst beschämend spät, nämlich 2002 wurde auch der individuelle Widerstand gegen den Krieg durch den Bundestag gewürdigt, indem die W ehrmachtsdeserteure moralisch rehabilitiert wurden. Vorausgegangen war eine langwierige parlamentarische Debatte zu diesem Thema, die zwölf Jahre gedauert hat.

Auch Fritz Kolbes Leistung im Widerstand fiel dieser öffentlichen Haltung zum Opfer. Im Januar 1965 schreibt er rückblickend an einen Freund: "Mein Bestreben war, den Krieg ... abzukürzen, den Unglücklichen in den KZs weitere Leiden ersparen zu helfen. Ob mir dies gelungen ist, weiß ich nicht. Aber eines glaube ich zu wissen: nämlich dass die von mir angesprochenen Amerikaner .... die Einsicht gewannen: Es gibt einen innerdeutschen Widerstand, sogar einen, der jetzt nicht oder für spätere Zeiten nach Belohnung fragt, sondern dem verhassten Regime Widerstand leistet, aus innerer Überzeugung, einfach um der Sache

selbst willen."

Seine Worte klingen fast wie eine Rechtfertigung gegenüber einer damals leider weit verbreiteten Haltung, nach der all jene Deutsche, die an der Seite der Alliierten den Nazis bekämpft hatten, Verräter waren. Fritz Kolbes Einsicht, dass nicht er, sondern vielmehr Adolf Hitler der Vaterlandsverräter war, wurde auch zwanzig Jahre nach Kriegsende nicht von allen geteilt.

Während des Krieges war keiner deutschen Stelle, weder dem Auswärtigen Amt noch der Gestapo, Kolbes Spionagetätigkeit aufgefallen. So hatte er das schier unglaubliche Glück, nicht gefasst zu werden. Kurz vor Kriegsende – Deutschland lag bereits in Ruinen – unternimmt er eine letzte, abenteuerliche Reise in die Schweiz. Dort beauftragen ihn die Amerikaner angesichts der bevorstehenden Kapitulation, den deutschen Gesandten Köcher zum Überlaufen zu bewegen. Köcher sollte die Vernichtung der Botschaftsakten verhindern sowie Informationen über den Verbleib der deutschen Goldbestände in der Schweiz liefern. Der Gesandte wies Kolbes Anliegen empört zurück. Kurze Zeit später wurde er aus der Schweiz ausgewiesen und in einem amerikanischen Lager interniert. Dort nahm er sich das Leben.

Köchers Freunde und Kollegen haben Fritz Kolbe die Schuld für diesen Selbstmord gegeben. Dies ist wohl einer der Gründe dafür, warum Kolbe nicht an seine Arbeitsstelle zurück durfte. Er wurde 1951 bei der Wiederbegründung des AA nicht wieder eingestellt. Und dies, obwohl sich die Amerikaner sowie einige Parlamentarier sehr dafür einsetzten. Aber einer von Köchers Mitarbeitern in Bern war Herbert Blankenhorn gewesen. Er war an der Gesandtschaft zwischen 1940 und 1943 für den Bereich Kultur und Propaganda zuständig. Dass er Mitglied der NSDAP war, verwundert daher nicht. Nach 1951 war er als Leiter der politischen Abteilung der "starke Mann" im neuen Auswärtigen Amt. Er soll, so Lucas Delattre, bei der Ablehnung Kolbes seine Rolle gespielt haben.

Aber nicht nur der weit hergeholte Vorwurf der Schuld am Selbstmord Köchers wird Ursache dafür gewesen sein, dass Kolbe nicht ins Außenministerium der jungen Bundesrepublik integriert wurde: Im neu formierten Auswärtigen Amt fand sich damals auch viel Altes wieder, wie der Fall Blankenhorn zeigt. Zahlreiche der neuen Diplomaten waren auch schon unter Hitler im Auswärtigen Dienst beschäftigt gewesen. Viele von ihnen hatten sich mit dem Naziregime arrangiert, einige sogar tatkräftig mitgemacht.

Für viele der alten und neuen Beamten des Auswärtigen Amtes war Kolbes Zusammenarbeit mit den Alliierten schnöder Verrat. Gleichzeitig aber wäre Kolbe, der kleine Konsulatssekretär, für diejenigen seiner Kollegen gerade in den höheren Etagen, die sich selbst

mit dem Naziregime arrangiert und keinen Mut zum Widerstand bewiesen hatten, wohl ein steter, lebendiger Vorwurf gewesen.

Kolbe selbst wäre sehr gerne ins Amt zurückgekommen und war über die negative Antwort auf seine Bewerbung zutiefst enttäuscht. Nach dem Krieg war er in der Privatwirtschaft tätig und konnte dort nur bedingt Fuß fassen. 1971 starb er in einem Berner Krankenhaus.

Die Behandlung Kolbes bei der Wiedergründung des Auswärtigen Amtes ist kein Ruhmesblatt für unser Haus. Es mussten über fünfzig Jahre ins Land gehen, bis Kolbes Verdienste gewürdigt wurden.

1967 noch, kurz vor seinem eigenen Tode hat Kolbes Hauptansprechpartner bei den Amerikanern, der spätere CIA-Chef Dulles beklagt, dass Deutschland es versäumt habe, die hohe Integrität von Kolbes Handeln anzuerkennen. Er schrieb: "Und so hoffe ich, dass dieses Unrecht eines Tages wieder gutgemacht werden wird und dass sein eigenes Land seine wahre Rolle anerkennt."

Diese Rolle haben öffentliche Meinung, die Geschichtsschreibung und wir, das Auswärtige Amt, spät erkannt – viel zu spät für Kolbe selbst.

Wir wollen Fritz Kolbes Mut, seine Unerschrockenheit, seine Integrität und seine Weitsicht nicht vergessen. Um ihm ein ehrenvolles Andenken zu bewahren, wird ab heute einer der Vortragssäle im Auswärtigen Amt seinen Namen tragen.

Ich bin sicher, dass wir uns heute alle einig sind: Diese Würdigung ist seit langem überfällig. Fritz Kolbe hat Deutschland und seinem Auswärtigen Amt zur Ehre gereicht.

Ich danke Ihnen.